Offener Brief: „Niemals auch nur annähernd“ – hätten sich die Erwartungen an das Christophorus-Haus erfüllt!

„Offener Brief“ von Mag. Ludwig Leitner, dem ehemaligen Leiter des St. Christophorus-Hauses, an den Herrn Diözesanbischof  Dr. Ägidius Zsifkovics als Antwort auf den Artikel „Bildungshaus aufgelöst im martinus  Nr. 30, 29. Juli 2012, S. 18

Oberschützen, am 1. August 2012

„Niemals auch nur annähernd“ – hätten sich die Erwartungen an das  Christophorus-Haus erfüllt!

Mit diesen Worten in Ihrem Dekret, Herr Diözesanbischof, fällen Sie ein pauschales und hartes Urteil. Bedenken Sie, was dazu schon in der Bergpredigt zu lesen ist: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr messt, wird euch zugeteilt werden.“ (Mt 7, 1 -2).

Sie haben gerade maturiert, als das Haus eingeweiht wurde, und weit weg von Oberschützen Theologie studiert, als ich in den 80er Jahren das Haus betreut habe. Ich würde Ihnen in einem persönlichen Gespräch mehr erzählen über die bescheidenen Anfänge. Nur ein kleines Beispiel: in meinem ersten Arbeitsjahr ab September 1982 hat es bis zum Aschermittwoch im Jahr 1983 gedauert, bis ein Bildungsbudget genehmigt war. Die Veranstaltungen, die ich trotzdem bis dahin organisiert hatte, haben wir aus unseren privaten familiären Ersparnissen vorfinanziert!

Ich weiß nicht, ob Sie das Haus jemals persönlich betreten haben; mit Ihrem Urteil haben Sie es jedenfalls „mit Füßen getreten“! Und vielleicht empfinden dies auch alle so, die jemals „Gäste“ im Christophorus-Haus waren, besonders die vielen Schülerinnen und Schüler. Zu den pastoralen „Highlights“ zählten meines Erachtens die ökumenischen Abschlussgottesdienste mit unseren Maturanten am letzten Schultag ihres Lebens vor der schriftlichen Matura. Sie können Ihren Vorgänger, Bischof Iby, befragen, der im Rahmen der bischöflichen Visitation zweimal dabei war. Beim letzten Gottesdienst im Mai hatten wir den Philipperhymnus als zentrale Bibelstelle gewählt (Phil 2, 5 -11).

Ich brauche Ihnen wohl nicht zitieren, von welcher „Gesinnung“ dort die Rede ist! Legt man dieses „Maß“ an, dann stimmt wohl das Urteil „niemals auch nur annähernd“!

Aber darf ich dieses „Maß“ auch an den Bischofshof anlegen, auch an Ihre Art das Bischofsamt auszuüben!?

Ich habe heuer bei der mündlichen Matura im Juni einer Kandidatin die folgende Frage gestellt:

 Vor 50 Jahren – im Oktober 1962 – wurde das Zweite Vatikanische Konzil eröffnet. Für Tomás Halik, katholischer Priester, Theologe und Soziologe an der Karls-Universität in Prag, stellen sich angesichts dieses Jubiläums mehr Fragen als Antworten:
… man denke an die festlichen Worte, mit denen das Konzilsdokument „Über die Kirche“ beginnt: dass eben „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen unserer Zeit auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Kirche“ sind. Diese Worte klingen fast wie ein Ehe-Gelöbnis.
Die katholische Kirche gelobt dem modernen Menschen Liebe, Achtung und Treue in guten wie in schlechten Zeiten. Ist sie diesem Versprechen jedoch treu geblieben? Kann sie heute mit gutem Gewissen eine „Goldene Hochzeit“ mit der modernen Gesellschaft feiern? Auf der anderen Seite muss man allerdings auch nüchtern fragen: War für den modernen Menschen eine solche „Ehe“ je begehrenswert?
  (Publik-Forum Nr. 10, 2012, S. 32)

Versuche Antworten auf die gestellten Fragen von Tomás Halik zu geben! Wie könnte eine Vision für die (katholische) Kirche in Europa aussehen – ähnlich etwa des von lateinamerikanischen Bischöfen während des Konzils an den Grabstätten der Urchristen Roms beschlossenen „Katakombenpakts“: die Selbstverpflichtung einfach und solidarisch aufseiten der Armen zu leben?

Die Kandidatin hat die Frage nicht beantwortet, weil sie die andere Frage wählte. Herr Diözesanbischof, wie würden Sie diese Frage beantworten?

Die lateinamerikanischen Bischöfe haben zu Hause ihre Konsequenzen gezogen: Dom Helder Camara zum Beispiel ist aus seinem Palast ausgezogen. Die Kirchenzeitung hätte damals einen Bericht darüber schreiben können mit dem Titel „Bischofshof aufgelöst“!

Was ich mir schließlich bezüglich Christophorus-Haus wünschen würde, Herr Diözesanbischof, ist, dass Sie den wahren Grund für die Auflösung nennen, nämlich Sparmaßnahmen! Und nicht Gründe vorschieben, über die Sie „auch nicht annähernd“ urteilen können. (Siehe dazu vielleicht auch Mt 7, 5 !).

*******

 

Ein Kommentar

  1. Das Christophorus-Haus war auf jedem Fall ein Kulminationspunkt der Schüler in der zweiten Hälfte der 80er. Jeder, der damals vor Ort war, kann sich an unzählige Vorträge, Konzerte, Schülerinitiativen, Lesungen, Filmvorführungen etc. erinnern. Und das waren damals noch echte Events in einer Zeit ohne Internet!
    Entscheidungsträger haben in der Regel keine Ahnung, wie die Geschichte zeigt. Nicht umsonst waren es nur die DIENER bei der Hochzeit von Kana, von denen geschrieben steht: SIE wussten. Die das Nötige tun sind diejenigen, die wissen, was nötig ist.

Kommentare sind geschlossen.