Vergänglichkeit und Augenblick

Der schlesische Barockdichter Andreas Gryphius schreibt in einem einfachen Vierzeiler folgendes:

 

„Mein sind die Jahre nicht,

die mir die Zeit genommen.

Mein sind die Jahre nicht,

die etwa möchten kommen.

Der Augenblick ist mein,

und nehm ich den in Acht,

so ist der mein,

der Jahr und Ewigkeit gemacht.“

 

Interessant ist für mich dabei zunächst das Wort „Ewigkeit“, das vom althochdeutschen „ewe“ stammt und übersetzt ursprünglich „Lebenszeit“ oder „langer Zeitraum“ bedeutete. Umgangssprachlich verstand man daher lange – bis ins 16. Jahrhundert – unter „Ewigkeit“ einen langen Zeitraum. Erst durch die Kirche hat der Begriff „Ewigkeit“ seine Bedeutung verändert in „Zeitlosigkeit“, wie es Andreas Gryphius in seinem Vierzeiler auch tut.

 

Gryphius vertröstet jedoch nicht auf das Jenseits, sondern versucht zu vermitteln, dass es auf den Augenblick ankommt. Er lädt mich ein, im Hier und Heute zu leben und den Augenblick achtsam zu gestalten. Und wenn ich das tue, so meint Gryphius, dann werde ich auch jetzt schon etwas spüren von dieser „Ewigkeit“, zu der ich unterwegs bin.

 

Und hier zum Nachhören auf religion.orf.at.

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