Fastenzeit 2026 – „Werte tragen???“

Der Arbeitskreis Liturgie unserer Pfarrgemeinde Bad Tatzmannsdorf hat sich für die heurige Fastenzeit das Thema „Werte tragen???“ gewählt, und wird ab dem 2. Fastensonntag zu Beginn des 10-Uhr-Gottesdienstes jeweils zum Nachdenken anregen:

2. Fastensonntag (von Mag. Peter Hanel): Werte tragen! – Welche Werte tragen mich/uns? Der Liturgiekreis möchte zu diesem Thema einen roten Faden hin zur Osterzeit legen. Wie unser Herr Pfarrer am Aschermittwoch schon ausgeführt hat, ist die Fastenzeit eine gute Gelegenheit, wieder neu darauf zu schauen, was in meinem/in unserem Leben wirklich wesentlich ist. Wie sieht meine/unsere Stufenleiter der Werte aus? Welcher Wert steht bei mir/bei uns weit oben, was ist abgerutscht? Wäre es gut, das eine oder andere wieder herunterzufahren, zu reduzieren und anderes aufzubauen, „aufzuwerten“? An den Fastensonntagen soll dazu jeweils ein bestimmter Bereich unseres Lebens in den Blick genommen werden.

Heute sind es: „Kirchen und Religionen“. Da gibt es Werte, die oft weit oben stehen und fragwürdig sind: Machtanspruch, Pochen auf das eigene Recht, Religion als politisches Instrument, Wahrung der Tradition und der religiösen Gesetze, Reinheit der Lehre, der äußere Schein, der unbedingt gewahrt werden muss, die Erfüllung von Pflichten und Ritualen … Sind es nicht vielmehr andere Werte, die uns Menschen tragen können: Offenheit und Gastfreundschaft untereinander, Beweglichkeit und Mut zur Erneuerung, Verbindung von Glaube und Vernunft, Raum für Spiritualität und Gotteserfahrung, Gemeinsames ethisches Handeln für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, Gemeinschaft und Zusammenhalt, um Trost, Sinn und Halt zu erfahren …
Barmherziger Gott, in unserem Leben setzen wir immer wieder auf Werte, die brüchig sind und überbewertet werden, anstatt darauf zu bauen, was uns tragen und weiterbringen kann:

Liedruf GL 155

Predigt von Pfarrer Dietmar: Liebe Christ*innen!
Tragen Werte? Und wenn ja, welche Werte sind es in unseren Kirchen und in den Religionen, die tragen? Werte zu leben, bedeutet für mich, konkret zu handeln – gegenüber den Schwachen, gegenüber der Erde, der Schöpfung, gegenüber den Suchenden, gegenüber den Gegnern. Werte zu leben, bedeutet für mich: sichtbar machen, wofür ich stehe und was mir wichtig ist, zugleich offen zu bleiben für Vergebung, Wandel und Versöhnung. Und ich glaube, das gilt nicht nur innerhalb meiner röm.-kath. Kirche, sondern das gilt grundsätzlich für alle Kirchen und Religionen.
Da gibt es für mich also Werte, die ich intensivieren möchte: 1. Nächstenliebe und Barmherzigkeit: Ich stehe ein für die Schwachen, helfe Bedürftigen, begegne Menschen mit offener Hand und offenem Herz – ohne Bedingungen.
2. Demut und Dienstbereitschaft: Ich will nicht Herrschaft suchen, ich will nicht Macht ausüben, sondern Dienerschaft leben – in meinem Seelsorger-Sein, in unseren Gemeinden, im alltäglichen Umgang.
Und ein letztes, drittes Beispiel möchte ich geben: Wahrhaftigkeit und Integrität: Ehrlich zu handeln, ist mir ganz wichtig, und einen klaren Standpunkt zu vertreten. Der Wert „Wahrhaftigkeit“ bedeutet für mich, mich immer aufs Neue zu fragen in der jeweiligen Situation: und was würde Jesus jetzt tun, auch wenn das unter Umständen nicht mit dem übereinstimmt, was die Amtskirche verlautbart.
Da gibt es andererseits auch Werte, die ich abbauen möchte: 1. Mitunter erlebe ich immer wieder in unserer Kirche einen starren Dogmatismus und einen Ausschluss durch starre Regeln: Freiheit des Gewissens achten, Zweifel zulassen, Offenheit für Neues pflegen.
2. Gerade in unserer Zeit erfahre ich stark bei den verschiedenen Religionen, dass Hass, Feindschaft und Spaltung provoziert werden: Hier gilt es, endlich diese Feindbilder zu überwinden und Dialog statt Polarisierung fördern.
Und auch hier ein letztes, drittes Beispiel für einen Wert, den es gilt abzubauen, nämlich die derzeit stärker werdende Tendenz der Gewaltbereitschaft, mitunter auch in den Religionen zu finden. Gewalt löst in meinen Augen nie Konflikte. Im Grunde genommen sind sich alle Religionen darüber einig, dass Gewalt abzulehnen ist, und Konflikte gewaltfrei gelöst werden können und müssen.
Christliche Werte sind mir ganz wichtig und müssen sichtbar werden, mehr denn je – im Gottesdienst, im Alltag, in unserer Nähe zu den Mitmenschen, damit sie tragen – jeden Tag aufs Neue bis in Ewigkeit.

3. Fastensonntag (von Siegfried Cvitkovits): „Werte tragen???“ ist das Thema, mit dem sich der Liturgiekreis für diese Fastenzeit beschäftigt hat. Die Gedanken heute sollen dazu anregen, welche „Werte“ wir im Lebensfeld „Partnerschaft und Familie“ einerseits abbauen könnten, um uns dadurch auf andere Werte wieder stärker zu besinnen…
• Horror-Femizid: Ehefrau mit 34 Messerstichen ermordet
• Frau tötet 5-jährigen Sohn, dann sich selbst
• Vater tötet Frau und Kinder
• Vater erstickte 19-jährige Tochter und tötete sich dann selbst
• Pensionist von eigenem Sohn erwürgt
• Jugendkriminalität: Intensität der Gewalt steigend
• Jugendlicher nimmt sich aus Liebeskummer das Leben
Solche und ähnliche Schlagzeilen sind heutzutage fast schon täglich in unseren Medien präsent – zunehmende Femizide, immer brutalere Gewalt in der Familie, Suizide junger Menschen, Verwahrlosung – und hier ist nicht die materielle Verwahrlosung gemeint – zieht sich durch alle Schichten unserer Gesellschaft…Kindern fehlt Orientierung, oft auch Grenzen vorgegeben zu bekommen bzw. Grenzen zu erkennen und einzuhalten…
Viele fragen sich: was ist los mit unserer Gesellschaft? Was läuft in unseren Familien falsch? Wohin soll das Ganze führen? Ich denke, wir dürfen nicht vergessen, dass sich in den letzten 50 Jahren besonders in dieser kleinsten Zelle des sozialen Miteinanders viel verändert hat. Die Rollenbilder von Mann und Frau haben sich innerhalb der Familie gänzlich gewandelt, immer mehr Frauen sind auch in verantwortungsvollen Positionen beruflich gefordert, Männer bringen sich intensiver in die Familienarbeit ein. Das elektronische Zeitalter und die Digitalisierung haben dazu beigetragen, dass es zu einer Beschleunigung in der Arbeitswelt und auch in der Freizeit gekommen ist, wodurch auch die Stressbelastung eine ganz andere geworden ist. Ich lade Sie einmal ein, bei Gelegenheit einen Blick auf Ihr Handy zu werfen und Ihre Bildschirmzeit abzufragen. Wieviel Zeit geht uns dabei für das bewusste Zusammenleben verloren? Partnerschaften werden oft nur noch zu einem funktionieren müssenden Nebeneinander, um die Erfordernisse des Lebensalltags bewältigen zu können. Die gewohnte Familienstruktur ist durch diese Einflüsse ordentlich durcheinandergekommen. Aufgrund der Berufstätigkeit von Mann und Frau bleibt oft weniger Zeit und Energie für die eigenen Kinder – somit bleiben nötige Zuwendung und Liebe, das Vermitteln der eigenen Wertvorstellungen, das Sich-mit den Kindern-Beschäftigen, das Erziehen und Grenzen setzen vermehrt auf der Strecke. Ersatzweise gibt es dann meist Handy- und Konsolenspiele, um Kinder ruhig zu stellen, quasi als Beschäftigungstherapie. Es ist einfach zu wenig Energie vorhanden, um auf die echten Bedürfnisse der eigenen Kinder einzugehen…
Ich glaube, es gäbe hier genügend Ansätze, etwas zum Positiven zu verändern, um unsere Partnerschaften und Familien als kleinste Zelle der Gemeinschaft wieder gesünder werden zu lassen. Das Zauberwort dafür könnte einfach „ZEIT“ heißen: einander mehr Zeit schenken für Gemeinsames, sich auf die guten Werte, wirklich wichtigen Dinge für Glück und ein erfülltes Leben besinnen und diese Werte den eigenen Kindern vorleben und ihnen weitergeben. – Freilich hat man dann wahrscheinlich Abstriche, was das Befriedigen eigener materieller oder virtueller Bedürfnisse betrifft, zu machen, aber ich denke, den Versuch, sich in so manchem Bereich neu zu orientieren, wäre es jedenfalls wert, zumal eine solche Neuorientierung heilend für mich, meine Partnerschaft, meine Familie, unsere Gesellschaft sein kann.

Kyrierufe-Überleitung
Guter Gott, viel zu oft ertappen wir uns dabei, den falschen Weg eingeschlagen zu haben, um unwichtigen Zielen nachzugehen…
• Wie oft gehen wir unseren eigenen Bedürfnissen nach, anstatt mit unserem Partner/unserer Partnerin etwas gemeinsam zu unternehmen und somit den unschätzbaren Wert einer Partnerschaft zu erleben.
• Zeitmangel ist eine Untugend in unserem Hier und Jetzt und verhindert das unersetzbare SICH-ZEIT-NEHMEN für unsere Kinder.
• Arbeitsdruck und Stress im Alltag erschweren uns ein friedliches, harmonisches und erfülltes Familienleben.

Predigt von Pfarrer Dietmar: Liebe Christ*innen!
Werte sind für mich mehr als persönliche Überzeugungen; sie wirken wie Kompassnadeln, die mein Handeln lenken, meine Entscheidungen beeinflussen und das Miteinander gestalten. In einer Zeit, in der Zeit zu knapp scheint und Konflikte oft schnell ausufern, ist es sinnvoller denn je, bewusst zu entscheiden, welche Werte wir gemeinsam leben wollen – als Paar, als Eltern, als Familie.
Welche Werte stärken das Band zwischen uns? Welche Haltungen lassen wir hinter uns, damit Beziehungen wachsen statt kriseln? Dabei gewinnt der Aspekt „Zeit nehmen“ eine zentrale Bedeutung: echte Präsenz füreinander zu zeigen, mit Aufmerksamkeit und ohne Eile zu handeln, das ist kein Luxus, sondern eine Grundvoraussetzung für Liebe, Vertrauen und Stabilität.
Werte, die es gilt in der Familie und in der Partnerschaft zu stärken, sind für mich vor allem eine ehrliche und offene Kommunikation und Konfliktkultur. Da denke ich z. B. an meine eigenen Bedürfnisse, auch an meine Sorgen, die ich so habe und meine Grenzen, wenn diese überschritten werden und ich dann immer explodiere, dass all diese Dinge immer wieder auch an- und ausgesprochen werden. Ein regelmäßiges Verschweigen oder Aufschieben löst hier nicht die Probleme. Reden, ehrlich miteinander reden, ist für mich ein überaus wichtiger Wert in Partnerschaft und Familie.
Auf der anderen Seite gibt es Werte, die abgebaut werden sollten. Einen Wert möchte ich anführen, nämlich ständige Kritik ohne Fairness. Da wird der/die andere ständig bewertet, aber nicht verstanden. Eine konstruktive Kritik finde ich gut und wichtig und auch notwendig. Aber zerstörerische ständige Abwertung des anderen schadet dem Miteinander. Das kann auf Dauer dazu führen, dass nicht mehr offen und ehrlich miteinander gesprochen wird. Und das ist in meinen Augen der Tod einer Beziehung. Wer sich ständig kritisiert fühlt, verliert Energie, bringt sich nicht mehr ein in die Familie, findet keine Motivation, Veränderungen zu ermöglichen.
Bei all dem scheint es auch mir wichtig zu sein, sich füreinander Zeit zu nehmen. Vielleicht wäre es ein guter Vorsatz für die Fastenzeit, dass man sich in der Partnerschaft/Familie bewusst jede Woche für 1 – 2 Aktivitäten Zeit nimmt – möglichst ohne Handy! – um miteinander etwas zu unternehmen, das mir und uns Freude bereitet und gut tut. Bewusst Zeit füreinander nehmen, auch ein Wert, der mir wichtig erscheint, damit Familie „gelingt“, Woche für Woche und bis in Ewigkeit.