Der Arbeitskreis Liturgie unserer Pfarrgemeinde Bad Tatzmannsdorf hat sich für die heurige Fastenzeit das Thema „Werte tragen???“ gewählt, und wird ab dem 2. Fastensonntag zu Beginn des 10-Uhr-Gottesdienstes jeweils zum Nachdenken anregen:
2. Fastensonntag (von Mag. Peter Hanel): Werte tragen! – Welche Werte tragen mich/uns? Der Liturgiekreis möchte zu diesem Thema einen roten Faden hin zur Osterzeit legen. Wie unser Herr Pfarrer am Aschermittwoch schon ausgeführt hat, ist die Fastenzeit eine gute Gelegenheit, wieder neu darauf zu schauen, was in meinem/in unserem Leben wirklich wesentlich ist. Wie sieht meine/unsere Stufenleiter der Werte aus? Welcher Wert steht bei mir/bei uns weit oben, was ist abgerutscht? Wäre es gut, das eine oder andere wieder herunterzufahren, zu reduzieren und anderes aufzubauen, „aufzuwerten“? An den Fastensonntagen soll dazu jeweils ein bestimmter Bereich unseres Lebens in den Blick genommen werden.
Heute sind es: „Kirchen und Religionen“. Da gibt es Werte, die oft weit oben stehen und fragwürdig sind: Machtanspruch, Pochen auf das eigene Recht, Religion als politisches Instrument, Wahrung der Tradition und der religiösen Gesetze, Reinheit der Lehre, der äußere Schein, der unbedingt gewahrt werden muss, die Erfüllung von Pflichten und Ritualen … Sind es nicht vielmehr andere Werte, die uns Menschen tragen können: Offenheit und Gastfreundschaft untereinander, Beweglichkeit und Mut zur Erneuerung, Verbindung von Glaube und Vernunft, Raum für Spiritualität und Gotteserfahrung, Gemeinsames ethisches Handeln für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, Gemeinschaft und Zusammenhalt, um Trost, Sinn und Halt zu erfahren …
Barmherziger Gott, in unserem Leben setzen wir immer wieder auf Werte, die brüchig sind und überbewertet werden, anstatt darauf zu bauen, was uns tragen und weiterbringen kann:
Liedruf GL 155
Predigt von Pfarrer Dietmar: Liebe Christ*innen!
Tragen Werte? Und wenn ja, welche Werte sind es in unseren Kirchen und in den Religionen, die tragen? Werte zu leben, bedeutet für mich, konkret zu handeln – gegenüber den Schwachen, gegenüber der Erde, der Schöpfung, gegenüber den Suchenden, gegenüber den Gegnern. Werte zu leben, bedeutet für mich: sichtbar machen, wofür ich stehe und was mir wichtig ist, zugleich offen zu bleiben für Vergebung, Wandel und Versöhnung. Und ich glaube, das gilt nicht nur innerhalb meiner röm.-kath. Kirche, sondern das gilt grundsätzlich für alle Kirchen und Religionen.
Da gibt es für mich also Werte, die ich intensivieren möchte: 1. Nächstenliebe und Barmherzigkeit: Ich stehe ein für die Schwachen, helfe Bedürftigen, begegne Menschen mit offener Hand und offenem Herz – ohne Bedingungen.
2. Demut und Dienstbereitschaft: Ich will nicht Herrschaft suchen, ich will nicht Macht ausüben, sondern Dienerschaft leben – in meinem Seelsorger-Sein, in unseren Gemeinden, im alltäglichen Umgang.
Und ein letztes, drittes Beispiel möchte ich geben: Wahrhaftigkeit und Integrität: Ehrlich zu handeln, ist mir ganz wichtig, und einen klaren Standpunkt zu vertreten. Der Wert „Wahrhaftigkeit“ bedeutet für mich, mich immer aufs Neue zu fragen in der jeweiligen Situation: und was würde Jesus jetzt tun, auch wenn das unter Umständen nicht mit dem übereinstimmt, was die Amtskirche verlautbart.
Da gibt es andererseits auch Werte, die ich abbauen möchte: 1. Mitunter erlebe ich immer wieder in unserer Kirche einen starren Dogmatismus und einen Ausschluss durch starre Regeln: Freiheit des Gewissens achten, Zweifel zulassen, Offenheit für Neues pflegen.
2. Gerade in unserer Zeit erfahre ich stark bei den verschiedenen Religionen, dass Hass, Feindschaft und Spaltung provoziert werden: Hier gilt es, endlich diese Feindbilder zu überwinden und Dialog statt Polarisierung fördern.
Und auch hier ein letztes, drittes Beispiel für einen Wert, den es gilt abzubauen, nämlich die derzeit stärker werdende Tendenz der Gewaltbereitschaft, mitunter auch in den Religionen zu finden. Gewalt löst in meinen Augen nie Konflikte. Im Grunde genommen sind sich alle Religionen darüber einig, dass Gewalt abzulehnen ist, und Konflikte gewaltfrei gelöst werden können und müssen.
Christliche Werte sind mir ganz wichtig und müssen sichtbar werden, mehr denn je – im Gottesdienst, im Alltag, in unserer Nähe zu den Mitmenschen, damit sie tragen – jeden Tag aufs Neue bis in Ewigkeit.
3. Fastensonntag (von Siegfried Cvitkovits): „Werte tragen???“ ist das Thema, mit dem sich der Liturgiekreis für diese Fastenzeit beschäftigt hat. Die Gedanken heute sollen dazu anregen, welche „Werte“ wir im Lebensfeld „Partnerschaft und Familie“ einerseits abbauen könnten, um uns dadurch auf andere Werte wieder stärker zu besinnen…
• Horror-Femizid: Ehefrau mit 34 Messerstichen ermordet
• Frau tötet 5-jährigen Sohn, dann sich selbst
• Vater tötet Frau und Kinder
• Vater erstickte 19-jährige Tochter und tötete sich dann selbst
• Pensionist von eigenem Sohn erwürgt
• Jugendkriminalität: Intensität der Gewalt steigend
• Jugendlicher nimmt sich aus Liebeskummer das Leben
Solche und ähnliche Schlagzeilen sind heutzutage fast schon täglich in unseren Medien präsent – zunehmende Femizide, immer brutalere Gewalt in der Familie, Suizide junger Menschen, Verwahrlosung – und hier ist nicht die materielle Verwahrlosung gemeint – zieht sich durch alle Schichten unserer Gesellschaft…Kindern fehlt Orientierung, oft auch Grenzen vorgegeben zu bekommen bzw. Grenzen zu erkennen und einzuhalten…
Viele fragen sich: was ist los mit unserer Gesellschaft? Was läuft in unseren Familien falsch? Wohin soll das Ganze führen? Ich denke, wir dürfen nicht vergessen, dass sich in den letzten 50 Jahren besonders in dieser kleinsten Zelle des sozialen Miteinanders viel verändert hat. Die Rollenbilder von Mann und Frau haben sich innerhalb der Familie gänzlich gewandelt, immer mehr Frauen sind auch in verantwortungsvollen Positionen beruflich gefordert, Männer bringen sich intensiver in die Familienarbeit ein. Das elektronische Zeitalter und die Digitalisierung haben dazu beigetragen, dass es zu einer Beschleunigung in der Arbeitswelt und auch in der Freizeit gekommen ist, wodurch auch die Stressbelastung eine ganz andere geworden ist. Ich lade Sie einmal ein, bei Gelegenheit einen Blick auf Ihr Handy zu werfen und Ihre Bildschirmzeit abzufragen. Wieviel Zeit geht uns dabei für das bewusste Zusammenleben verloren? Partnerschaften werden oft nur noch zu einem funktionieren müssenden Nebeneinander, um die Erfordernisse des Lebensalltags bewältigen zu können. Die gewohnte Familienstruktur ist durch diese Einflüsse ordentlich durcheinandergekommen. Aufgrund der Berufstätigkeit von Mann und Frau bleibt oft weniger Zeit und Energie für die eigenen Kinder – somit bleiben nötige Zuwendung und Liebe, das Vermitteln der eigenen Wertvorstellungen, das Sich-mit den Kindern-Beschäftigen, das Erziehen und Grenzen setzen vermehrt auf der Strecke. Ersatzweise gibt es dann meist Handy- und Konsolenspiele, um Kinder ruhig zu stellen, quasi als Beschäftigungstherapie. Es ist einfach zu wenig Energie vorhanden, um auf die echten Bedürfnisse der eigenen Kinder einzugehen…
Ich glaube, es gäbe hier genügend Ansätze, etwas zum Positiven zu verändern, um unsere Partnerschaften und Familien als kleinste Zelle der Gemeinschaft wieder gesünder werden zu lassen. Das Zauberwort dafür könnte einfach „ZEIT“ heißen: einander mehr Zeit schenken für Gemeinsames, sich auf die guten Werte, wirklich wichtigen Dinge für Glück und ein erfülltes Leben besinnen und diese Werte den eigenen Kindern vorleben und ihnen weitergeben. – Freilich hat man dann wahrscheinlich Abstriche, was das Befriedigen eigener materieller oder virtueller Bedürfnisse betrifft, zu machen, aber ich denke, den Versuch, sich in so manchem Bereich neu zu orientieren, wäre es jedenfalls wert, zumal eine solche Neuorientierung heilend für mich, meine Partnerschaft, meine Familie, unsere Gesellschaft sein kann.
Kyrierufe-Überleitung
Guter Gott, viel zu oft ertappen wir uns dabei, den falschen Weg eingeschlagen zu haben, um unwichtigen Zielen nachzugehen…
• Wie oft gehen wir unseren eigenen Bedürfnissen nach, anstatt mit unserem Partner/unserer Partnerin etwas gemeinsam zu unternehmen und somit den unschätzbaren Wert einer Partnerschaft zu erleben.
• Zeitmangel ist eine Untugend in unserem Hier und Jetzt und verhindert das unersetzbare SICH-ZEIT-NEHMEN für unsere Kinder.
• Arbeitsdruck und Stress im Alltag erschweren uns ein friedliches, harmonisches und erfülltes Familienleben.
Predigt von Pfarrer Dietmar: Liebe Christ*innen!
Werte sind für mich mehr als persönliche Überzeugungen; sie wirken wie Kompassnadeln, die mein Handeln lenken, meine Entscheidungen beeinflussen und das Miteinander gestalten. In einer Zeit, in der Zeit zu knapp scheint und Konflikte oft schnell ausufern, ist es sinnvoller denn je, bewusst zu entscheiden, welche Werte wir gemeinsam leben wollen – als Paar, als Eltern, als Familie.
Welche Werte stärken das Band zwischen uns? Welche Haltungen lassen wir hinter uns, damit Beziehungen wachsen statt kriseln? Dabei gewinnt der Aspekt „Zeit nehmen“ eine zentrale Bedeutung: echte Präsenz füreinander zu zeigen, mit Aufmerksamkeit und ohne Eile zu handeln, das ist kein Luxus, sondern eine Grundvoraussetzung für Liebe, Vertrauen und Stabilität.
Werte, die es gilt in der Familie und in der Partnerschaft zu stärken, sind für mich vor allem eine ehrliche und offene Kommunikation und Konfliktkultur. Da denke ich z. B. an meine eigenen Bedürfnisse, auch an meine Sorgen, die ich so habe und meine Grenzen, wenn diese überschritten werden und ich dann immer explodiere, dass all diese Dinge immer wieder auch an- und ausgesprochen werden. Ein regelmäßiges Verschweigen oder Aufschieben löst hier nicht die Probleme. Reden, ehrlich miteinander reden, ist für mich ein überaus wichtiger Wert in Partnerschaft und Familie.
Auf der anderen Seite gibt es Werte, die abgebaut werden sollten. Einen Wert möchte ich anführen, nämlich ständige Kritik ohne Fairness. Da wird der/die andere ständig bewertet, aber nicht verstanden. Eine konstruktive Kritik finde ich gut und wichtig und auch notwendig. Aber zerstörerische ständige Abwertung des anderen schadet dem Miteinander. Das kann auf Dauer dazu führen, dass nicht mehr offen und ehrlich miteinander gesprochen wird. Und das ist in meinen Augen der Tod einer Beziehung. Wer sich ständig kritisiert fühlt, verliert Energie, bringt sich nicht mehr ein in die Familie, findet keine Motivation, Veränderungen zu ermöglichen.
Bei all dem scheint es auch mir wichtig zu sein, sich füreinander Zeit zu nehmen. Vielleicht wäre es ein guter Vorsatz für die Fastenzeit, dass man sich in der Partnerschaft/Familie bewusst jede Woche für 1 – 2 Aktivitäten Zeit nimmt – möglichst ohne Handy! – um miteinander etwas zu unternehmen, das mir und uns Freude bereitet und gut tut. Bewusst Zeit füreinander nehmen, auch ein Wert, der mir wichtig erscheint, damit Familie „gelingt“, Woche für Woche und bis in Ewigkeit.
4. Fastensonntag (von Werner und Gerlinde Kaitan): Werte tragen – welche Werte tragen mich, tragen uns ? Unser Liturgiekreis hat die heurige Fastenzeit mit dem Thema „Werte tragen mich“ verbunden. Hinter mir sehen Sie eine Leiter mit den Worten „Abbauen/ Aufbauen/ Was?“ Welche Werte in unserem Leben sollen in den Hintergrund treten und welche aufgebaut werden? Heute, am 4. Fastensonntag, beschäftigen wir uns in diesem Zusammenhang mit dem Bereich Wirtschaft und Politik – Wirtschaft und Politik prägen ganz wesentlich unser Leben. Der berühmte Philosoph und Dichter Machiavelli sagte vor 500 Jahren: „Politik ist die Summe der Mittel, die nötig sind, um zur Macht zu kommen und sich an der Macht zu halten und um von der Macht den nützlichsten Gebrauch zu machen.“
Hat sich daran heute etwas geändert? Handeln nicht auch heute viele Mächtige in der Politik nach diesem Prinzip? Und in der Wirtschaft ist es ähnlich: Oberstes Prinzip ist die Gewinnmaximierung ohne Rücksicht auf Verluste. Ein Bündnis von Macht und Gier bestimmen Politik und Wirtschaft. Die meisten von uns sind nach dem 2. Weltkrieg aufgewachsen, haben erlebt, dass es uns dank einer Politik der Sozialpartnerschaft immer besser gegangen ist, dass Friede geherrscht hat. Wo bleibt heute unsere Verantwortung für diesen Wert? Und wie gehen wir mit der Natur, unseren Lebensgrundlagen und Ressourcen um? Wo bleibt unsere Arbeit am Gemeinwohl?
Was bedeutet das für mich? Wir alle können uns dafür verantwortlich fühlen, dass Werte wie Humanität, Toleranz, Solidarität, Nachhaltigkeit wieder mehr in der Vordergrund rücken und selbstverständlich auch in unserem Tun und Handeln verankert werden. Ich trete ein für einen respektvollen Umgang miteinander mit Fokus auf das Gemeinwohl – das dürfen wir auch von unseren Politikern erwarten, und wo dies nicht der Fall ist, sollten, ja müssen wir unsere Stimme erheben. Was brauche ich eigentlich wirklich? Ständiges Wachstum, permanente Optimierungsversuche und die Jagd nach Schnäppchen lassen uns nicht zur Ruhe kommen. Ein einfacherer, ressourcenschonender Lebensstil könnte uns mehr Ruhe in unseren Alltag bringen und uns auch Aufmerksamkeit, Achtsamkeit bescheren: Lasst uns nicht nur sehen, was fehlt, sondern auch dankbar sein für das, was uns trägt.
Wollen wir nun im Kyrie das Erbarmen Gottes herabrufen:
Jesus, unser Bruder und Herr,
du hast ein Herz für die Benachteiligten.
Herr, erbarme dich.
Jesus. unser Bruder und Herr,
du willst heilen, was in der Tiefe unseres Herzens noch krank ist.
Christus, erbarme dich.
Jesus, unser Bruder und Herr,
du bist gekommen, dass wir das Leben haben und es in Fülle haben.
Herr, erbarme dich.
Predigt von Pfarrer Dietmar: Liebe Christ*innen!
Politik und Wirtschaft funktionieren nur dauerhaft gut, wenn sie von gemeinsamen, menschenwürdigen Werten getragen werden: Die Würde des einzelnen Menschen, Gerechtigkeit, Verantwortung, Transparenz und Nachhaltigkeit. Werte, die ausschließen, entfremden oder verzerren, müssen dabei in den Hintergrund treten, z. B.: Gier und übersteigerter Materialismus: Wenn Gewinnmaximierung um jeden Preis das Maß aller Dinge ist, leidet oft das Gemeinwohl. Wirtschaft wird zu Selbstzweck statt Mittel zur Lebenssicherung und Entwicklung aller Menschen.
Ein weiterer Wert, der abgebaut werden sollte, ist der Machtkult und Machterhalt um jeden Preis: Macht wird gerade in unseren Tagen sehr oft missbraucht, wenn sie nicht an Transparenz, Rechenschaft und Respekt gebunden ist. Menschenwürde wird durch den Machtmissbrauch zum bloßen Mittel, nicht zum Ziel. Das Erreichen eigener, sehr oft finanzieller Interessen steht da häufig im Mittelpunkt.
Auch der Ausschluss, die Spaltung und Polarisierung, die in der Politik häufig gegenwärtig ist, müssen abgebaut werden: Politik, die Gruppen gegeneinander ausspielt, zerstört Vertrauen, zerstört das Miteinander und verhindert konstruktive Lösungen. Wenn derartige Werte dominieren, verliert Politik Legitimation und Wirtschaft verliert Vertrauen. Die Gesellschaft wird gegeneinander ausgespielt, ungleich und instabil.
Werte, die hingegen in den Mittelpunkt gehören sind in meinen Augen, z. B.: die Würde und Gleichwertigkeit aller Menschen: Politik und Wirtschaft müssen die Würde jedes Einzelnen anerkennen, unabhängig von Herkunft, Vermögen, sexueller Identität oder Status. Jeder Mensch besitzt von Natur aus einen unantastbaren und gleichen Wert; niemand steht über einem anderen! Gleiche Würde, gleiche Rechte, gleiche Chancen!
Ein weiterer Wert, der in meinen Augen überaus wesentlich ist in der Wirtschaft und auch in der Politik, ist die Verantwortung: Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen, gegenüber Kolleginnen und Kollegen, gegenüber Bürgerinnen und Bürgern; ein verantwortungsvolles Handeln sowohl in der Wirtschaft wie auch in der Politik ist das Um und Auf. Unser christlicher Glaube gibt uns da ein gutes Fundament dafür, immer als verantwortungsvoller Mensch zu handeln. Dabei ist Gemeinwohlorientierung das „A und O“: Politik und Wirtschaft müssen wieder so handeln, dass das Wohl der Gemeinschaft gestärkt wird, und nicht nur das Wohl einzelner Interessensgruppen.
Für mich stellt sich bei all dem die Frage: Wo und wie kann und will ich mich ganz konkret für den Abbau jener Werte einsetzen, die endlich in den Hintergrund treten müssen, und wo und wie kann ich mich andererseits für Werte einsetzen, die das Miteinander stärken in Politik und Wirtschaft. Mein Tun ist gefragt und wichtig, damit sich die Welt zum Guten hin verändern kann, damit auch christliche Werte in Politik und Wirtschaft wieder eingebracht, gefördert und gelebt werden. Möge Gott mir und vielen Christ*innen die Kraft und den Mut schenken, mich aktiv für diese christlichen Werte einzusetzen, damit unsere Welt wieder eine gerechtere wird – jeden Tag aufs Neue bis in Ewigkeit.
Meditationstext „Gott schenke dir Mut“ (nach F. Wolf, Lass deinem Mut Flügel Wachsen,
München, Verlag Ars Edition 1999).
5. Fastensonntag (von Clemens Schermann): Auf unsere Leiter durch die Fastenzeit stelle ich heute Dialoge zwischen dem ICH und der WELT. Mir persönlich sind die Momente des Erwachens in der Früh kostbar. Wenn meine Gedanken sich zu orientieren beginnen, vermischt mit Traumresten des nächtlichen neuronalen Recyclings. Ich verweile bei meinem Atem, wie er kommt und geht. Ein Rhythmus, der mein Leben bestimmt. Nehmen und Geben schafft eine stumme Verbindung zwischen mir und meiner Umwelt. Später höre oder lese ich Nachrichten. Da begegne ich anderen Welten: Ereignisse, die Aufmerksamkeit verlangen, von Menschen gestaltete Katastrophen und Meinungen über die Wirklichkeit.
Ein Jugendlicher sagte: „Alles ist mir zu viel und das Viele macht mich unrund, es ängstigt mich. Ich lenke mich lieber ab oder zieh mich in meine Höhle zurück.“ Das Selbstempfinden wird fortlaufend gestört durch die vielfältigen und schnellen Infos aus medialen Netzwerken. Vielleicht gelingt es, im Rückzug in „die Höhle“, sich wieder selbst zu spüren. Eine soziale Ermutigung durch Kameraden oder Verwandte kann dabei helfen. Ein anderer junger Mensch sagte: „Ablenkung ist gesund!“ Und er fragte mich, was ich dazu denke. Ich schaute ihn an und merkte seine Entschlossenheit und sein zweifeln. Ich sagte: „Ja und Nein.“ Und wir kamen in ein Gespräch über Erfahrungen und Auswirkungen.
Letzte Woche hab ich einen alten Mann besucht. Mitten im Gespräch seufzte er: „Das ganze Leben ist ein Kampf!“ Beim Heimfahren spürte ich noch, was ihn belastet. Als ob die Welt zum Feind geworden ist. Oder bloß einzelne widrige Umstände? Wenn man älter wird, wird das Kämpfen zur Qual. Wenn man in dieser Phase in der Frage nach dem Ja eine Antwort findet, kann es sein, dass es so klingt wie Arno Geigers Vater es in seiner Demenz heraussagte: „Als das vereitelt wurde, was wir erhofften, da erst lebten wir.“
Ob es einen Kompromiss zwischen mir und der Welt gibt? Dann und wann kehre ich zum Anfang zurück. Ich bin Teil des Lebens, der Welt. „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ So sagte es Albert Schweizer. Mir scheint, Jesus hat jenseits aller Sehnsüchte nach einem Paradies einen neuen Anlauf genommen, die Welt mit allem Leben als (Be-)Reich Gottes darzustellen. „Mitten unter euch ist es!“ Im heutigen Sonntagsevangelium wird das in einer Episode mit Lazarus und seiner Sippe dargestellt. Der Tod ist im Dialog mit dem Leben, so wie die Welt mit dem Ich. Das Ich kann dabei die Berufung erleben, diese Verbundenheit wahrzunehmen und großzügig mitzugestalten.
Im Kyrieruf vertrauen wir uns der weltumspannenden Liebe Gottes an:
Immer wieder versuchen Menschen, die Welt zu verstehen und zu unterwerfen und mit allen Mitteln die Umstände zu beherrschen. Als ob das Leben vom Menschen bestimmt werden könnte.
Manchmal wird die Welt als Feind gesehen, als Störenfried gegen den man kämpfen muss. Und dem Leben wird in vielfältiger Weise Gewalt angetan.
Vergessen wird die Berufung, Teil und MitgestalterIn des Reiches Gottes zu sein.
Predigt von Pfarrer Dietmar: Liebe Christ*innen!
„Ihr seid nicht vom Fleisch, sondern vom Geist bestimmt, da ja Gottes Geist in euch wohnt.“ (Röm 8,9) Eine ungeheuerliche Zusage, die Paulus hier den Christ*innen in Erinnerung ruft. Die „Identität“ der Christen ist durch den Geist Gottes bestimmt. Das bedeutet für mich einerseits: Ich, als Getaufter und Gefirmter, bin mit Gott verbunden. Und andererseits bedeutet das: Dieser Geist Gottes in mir formt meinen Alltag. Er führt zu einer Lebensweise, die Werte sichtbar macht: Geduld statt Hitzigkeit, Güte statt Härte, Charakterstärke statt Resignation.
Da taucht in mir sofort die Frage auf: Handle ich aus der Quelle des Geistes Gottes, oder aus der Logik des „Fleisches“? Wenn Gottes Geist in mir wohnt, dann bedeutet dies, dass nicht Verzagtheit die Grundmelodie in meinem Leben ist, sondern Lebendigkeit und Kraft. Christliches Leben ist für mich kein ausschließliches und mühsames Abarbeiten der Lasten, sondern kreatives Handeln im Alltag, Tag für Tag. Menschen Mut machen, ihr Leben in die Hand zu nehmen und es zu gestalten, statt sich durch andauerndes Jammern zu lähmen.
Was sind das für Dinge, zu denen mich Gottes Geist antreibt? Wichtige Werte, die der Geist schenkt und stärkt, sind für mich z. B. Liebe und Versöhnung; d. h. Konflikte ehrlich ansprechen, Brücken bauen und immer wieder Vergebung üben. Ein Leben in Gottes Geist bedeutet für mich, auch auf Bedürftige zu sehen, und mit ihnen teilen, was ich habe; es bedeutet, Ungerechtigkeiten konkret zu benennen; es bedeutet, einander Hilfe zu leisten, füreinander einzustehen.
Wenn Gottes Geist in mir wohnt, dann heißt das für mich, dass ich ein Mensch bin, der vor allem von Hoffnung und Dankbarkeit geprägt ist, und dass das auch meine Mitmenschen spüren können, wenn sie mir begegnen, dass ich also immer wieder Mut zum Dienst finde für die anderen, für die Welt, für die Schöpfung, für die Gemeinschaft.
„Gottes Geist wohnt in euch“, das ist die Zusage an mich als Christ, die Welt ehrlich zu sehen, ohne verzweifeln zu müssen, und dass Gott mein Handeln wichtig nimmt, weil mich sein Geist in meinem Herzen zum Guten antreibt, liebevoll, mutig und voll Hoffnung. So bringe ich Werte in die Gemeinschaft ein, die die Gemeinschaft stärken und die Welt veränderen – jeden Tag aufs Neue bis in Ewigkeit.
Meditationstext „Am Nullpunkt“ (Monika Renz, Erlösung aus Prägung. Botschaft und Leben Jesu als Überwindung der menschlichen Angst-, Begehrens- und Machtstruktur. 2. überarb. Auflage 2017).