Fronleichnam 2015: „Menschen auf der Flucht“

Fronleichnam 2015: „Menschen auf der Flucht“

Einführung
Zu Fronleichnam tragen wir den Leib des Herrn hinaus auf die Straße, um ihn in der Monstranz herzuzeigen: „Schaut her, er ist mitten unter uns, dort, wo wir wohnen und leben, ist er mit uns unterwegs“. Wir bitten um seinen Segen für Land und Leute und für die ganze Welt, vor allem für jene, die es besonders schwer haben. So beginnen wir unsere Prozession: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Prozession beginnt zum:

1. Altar: „Menschen auf der Flucht“

Bei der heurigen Fronleichnamsprozession möchten wir besonders all jene Menschen mit hereinnehmen, die auf der Flucht sind: Einerseits die tausenden Flüchtlinge an so vielen Orten weltweit, andererseits aber auch Menschen unter uns, ja uns selber, die wir manchmal davonlaufen, auf der Flucht sind – auf der Flucht vor uns selbst oder auf der Flucht vor der Verantwortung und auch auf der Flucht vor Gott.

Gott, wo bist Du? Hörst du die Schreie der Menschen in den überfüllten Booten und am Grund des Meeres? Siehst du die Millionen in den Lagern und an den Küsten, die darauf warten, dass das Meer sich teilt hin zum gelobten Land?

Fassungslos sehen wir die Bilder in den Medien, machen uns Sorgen um diese Menschen, aber auch um uns: wieviele müssen noch sterben, werden noch fliehen, wohin wird das führen? Wieviele können wir überhaupt aufnehmen – andererseits: dürfen wir uns einfach abschotten? Haben wir nicht auch Mit-verantwortung als Mit-menschen oder gar als Beteiligte/Mit-verursacher an diesem ganzen Elend? Sind nicht auch Gewinnsucht und Geldgier unserer Wohlstandsgesellschaft mit-schuldig an dieser humanitären Katastrophe? Ausbeutung der Entwicklungländer, Spekulationsgeschäfte auf Nahrungsmittel, Interessen der Rüstungs- und Waffenindustrie, Raubbau an vorhanden Bodenschätze in diesen Schwellenländern…

Aber wie kann am besten geholfen werden? Stehen wir nicht alle – zuständige Politiker und verantwortliche Systeme, aber auch ich als einzelner – diesen Problemen und einer Veränderung zum Guten, schlichtweg gesagt, ohnmächtig und hilflos gegenüber?

„Flucht“: auch ein immer wiederkehrendes Thema in der Bibel

Lesung aus dem Buch Deuteronomium: Dtn 26,1: 5-9;11
Wenn du in das Land, das Gott dir gibt, hineinziehst, sollst du bekennen: „Mein Vater war ein heimatloser Aramäer. Er zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder und wurde zu einem großen Volk. Die Ägypter behandelten uns schlecht, machten uns rechtlos und legten uns harte Fronarbeit auf. Wir schrien zum Herrn und der Herr hörte unser Schreien und sah unsere Bedrängnis. Mit starker Hand führte er uns aus Ägypten und gab uns dieses Land, ein Land, in dem Milch und Honig fließen“. Nun sollst du fröhlich sein und dich freuen über alles Gute, das der Herr dir gegeben hat: du, deine Familie und der Fremde in deiner Mitte!
Nicht fliehen zu müssen, ist das oberste Ziel. Aber oft bleibt Flucht die einzige Chance auf ein befreiteres Leben. Dazu müssen aber die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Die erste Grundversorgung und längerfristige Konzepte. Politische Maßnahmen, aber auch ganz persönliche Schritte: für ein menschenfreundliches und nicht menschenfeindliches Klima in unserem Land zu sorgen, sich nicht der Verschwendungs- und Wegwerfgesellschaft anzuschließen, sondern Akzente gegen Konsum und Gleichgültigkeit zu setzen. Oder aber gewisse vom System auferlegte und angewöhnte Mechanismen zu hinterfragen und sich diesen zu widersetzen. Unternehmen und Konzerne, die wegen Missachtung der Menschenrechte und des Umweltschutzes auf der sogenannten Schwarzen Liste stehen zu boykottieren:- alles Möglichkeiten, um aktiv einen hoffnungsvollen Beitrag zu einer besseren Welt von morgen zu leisten!

Bitte:
Rettender Gott, gib uns Kraft und Mut, die richtigen Taten für jene Mitmenschen zu setzen, die auf der Flucht sind und Not leiden, damit auch sie ein menschenwürdiges Leben führen können – frei von Krieg, Verfolgung und Existenzängsten. Darum bitten wir dich durch Jesus Christus, unsern Herrn, Amen.

Segenslied

Segen

Segenslied, Prozession geht weiter

2. Altar: „Flucht vor mir selbst“

Warum soll ich mich für Menschen auf der Flucht interessieren? Ich lebe doch in einem sicheren Land und habe selbst genug um die Ohren mit meiner Arbeit und Familie, sodass ich mich wirklich nicht um alles kümmern kann.

Doch genau genommen stecken wir alle oft in einer Art von Flucht, in einer Flucht vor mir selbst. Darüber wollen wir hier am 2. Altar nachdenken.

Ohne es zu merken, sind wir in ständiger Aktivität, sozusagen im Hamsterrad des Alltags und unserer Arbeit gefangen, und fliehen dann allzu gerne in andere Welten wie Konsum und Vergnügen, Fernsehen und Chatrooms, Drogen oder andere Süchte. Eine Sinnkrise und eine breite Sinnlosigkeit sind in unserer Gesellschaft zu spüren. Manche treibt dies auch in eine völlige Passivität und oft sogar in eine Depression. Die Flucht vor mir selbst scheint oft einfacher als die Auseinandersetzung mit meinen Fragen und dem Sinn meines Daseins.

Lesung:    Lk 15, 11-17   Lesung aus dem Lukasevangelium:
Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land und es ging ihm sehr schlecht. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon. —  Da ging er in sich….!

Bitte:
Barmherziger Gott, steh uns bei mitten in unserer Existenzangst, immer dann, wenn uns eine intensive Auseinandersetzung mit uns selbst in die Flucht treiben möchte und hilf uns einen Weg zu uns selbst zu finden. Schenke uns die nötige Courage und Ausdauer, damit wir uns der Sinnfrage stets aufs Neue stellen können.

Segenslied

Segen:
Der uns begleitende Gott segne uns: Er lasse uns seine Gegenwart spüren in den kleinen Dingen des Alltags, die wir zu oft als selbstverständlich betrachten. Durch seine Liebe zu uns Menschen befreie er uns von Gefühlen der Minderwertigkeit und Hoffnungslosigkeit und schenke uns eine Lebensfreude, die uns innerlich wachsen lässt. Er stärke uns mit seinem Geist, der uns stets zu neuen Ufern aufbrechen lässt, Gott, der Vater und der Sohn und der Hl. Geist. Amen.

Segenslied, Prozession geht weiter

3. Altar: „Flucht aus der Verantwortung“

Im Blick auf unsere Welt – in den stündlichen Nachrichten – wird uns gezeigt, wie wir mit Verantwortung umgehen. Wir überlassen sie anderen und suchen immer wieder Ausreden: Warum ich?

Was geht das mich an?

Im Abwenden, nicht wahrhaben wollen und gewähren lassen sind wir “Weltmeister“ Wir schieben die Verantwortung ab und überlassen es den „Zuständigen“ in Politik und Wirtschaft. Ja, von denen fordern wir ein, was wir selbst nicht bereit sind einzubringen.

In der folgenden Lesung will uns Jesus im Beispiel vom Barmherzigen Samariter sagen: Schaue nicht nur hin, sondern beziehe Position und tue das “Not-wendende“ im richtigen Augenblick!

Lesung:   Lk 10, 30-34
Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho und fiel unter eine Räuberbande. Die zogen ihn aus, schlugen ihn wund, machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen. Zufällig ging ein Priester auf jenen Weg hinunter, sah ihn an und ging vorüber. Desgleichen auch ein Levit. Der kam an den Ort, auch er sah ihn an und ging vorüber. Ein Sameriter, der unterwegs war, kam ebenda hin, sah ihn an, und es ward ihm weh ums Herz. Er trat hinzu, verband seine Wunden und goss Öl und Wein drauf. Dann setzte er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einem Wirtshaus und versorgte ihn.

Bitte:
Gott, unser Schöpfer, wir bitten dich um verantwortungsvolles Handeln. Lass uns nicht blind werden für die Probleme und Nöte unserer Mitmenschen. Gib den Mächtigen in Politik und Wirtschaft, die in die Interessen ihrer eigenen Gruppen verstrickt sind, Augen – die sehen, Hände – die handeln und Mut, dass sie sich ihrer Verantwortung nicht entziehen.
Dazu schenke uns Kraft und deinen Segen.

Segenslied

Segen:
Herr, segne meine Hände, dass sie behutsam seien,
dass sie halten können, ohne zur Fessel zu werden,
dass sie geben können ohne Berechnung,
dass ihnen innewohne die Kraft, zu segnen und zu trösten.

Herr, segne meine Augen, dass sie Bedürftigkeit wahrnehmen,
dass sie das Unscheinbare nicht übersehen,
dass sie hindurchschauen durch das Vordergründige,
dass andere sich wohlfühlen können unter meinem Blick.

Herr, segne meine Ohren, dass sie deine Stimme zu erhorchen vermögen,
dass sie hellhörig seien für die Stimme der Not,
dass sie verschlossen seien für den Lärm und das Geschwätz,
dass sie das Unbequeme nicht überhören.

Herr, segne meinen Mund, dass er dich bezeuge,
dass nichts von ihm ausgehe, was verletzt und zerstört,
dass er heilende Worte spreche,
dass er Anvertrautes bewahre.

Herr, segne mein Herz, dass es Wohnstatt sei Deinem Geist,
dass es Wärme schenken und bergen kann,
dass es reich sei an Verzeihung,
dass es Leiden und Freude teilen kann. Amen

 Segenslied, Prozession geht weiter

4. Altar: „Flucht vor Gott“

Der vierte Altar des heurigen Fronleichnamsfestes ist dem Thema Flucht vor Gott gewidmet.

Wer kennt nicht die Erklärung: „Ich habe keine Zeit dafür“, unsere Flucht in einen vollen Terminkalender.

Wer kennt nicht die Scheu, öffentlich zu bekennen, dass Gott eine zentrale Position in seinem Leben einnimmt? Es sind nicht nur Jugendliche, die dem Gruppenzwang erliegen und als „cool“ gelten wollen.

Wer kennt nicht angesichts persönlicher Schicksalsschläge oder Katastrophen nah oder fern die Frage: „ Wie kann Gott das zulassen? Wo ist Gott?“

Menschen auf der Suche nach dem Geist, der lebendig macht, der sie Lebendig-sein empfinden lässt, verirren sich: Der Wunsch nach einem individuell erlebbaren und gestaltbaren Glaubensleben, fern der häufig kritisierten Institution Kirche, lässt manche in esoterische Heilslehren flüchten, doch der Geist, der lebendig macht, fehlt ihnen.

Könnten schmerzhaft erlebte Krisen in Zeiten des Umbruchs nicht auch letztlich konstruktiv zu einer Erneuerung und Festigung des Glaubens führen?

Führt manche Flucht vor Gott nicht auch zu Gott?

Lesung: Joh 6, 63-69
Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und sind Leben.
Aber es gibt unter euch einige, die nicht glauben. Jesus wusste nämlich von Anfang an, welche es waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde.
Und er sagte: Deshalb habe ich zu euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht vom Vater gegeben ist.
Daraufhin zogen sich viele Jünger zurück und wanderten nicht mehr mit ihm umher.
Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt auch ihr weggehen?
Simon Petrus antwortete ihm: Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.

Bitten:
Taufe, Kommunion und Firmung haben uns zu Kindern Gottes gemacht. Dieses Geschenk bleibt uns erhalten, auch wenn uns später Krisen daran zweifeln lassen.

  1. Der Mechanismus zum Öffnen von Türen bleibt bekannt, ist in uns verinnerlicht, auch wenn wir ihn lange nicht benutzt haben. In der Not erinnern wir uns an verschüttete Glaubensinhalte. Wir bitten Dich: Lass uns die Nähe zu Gott im Gebet und in unserem Leben wiederfinden.
  2. Wir haben von Gott die Kraft bekommen, unseren Glauben – auch durch die Teilnahme an dieser Prozession heute – öffentlich zu bekennen. Wir bitten Dich: Stärke uns darin, gib uns auch Kraft in schweren Stunden nicht zu resignieren und führe alle Suchenden auf den richtigen Weg zu Dir.

Segenslied

Segen

Segenslied

Dank im Namen der Pfarrgemeinde an alle Beteiligten!

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